Landgericht Berlin - 15. September 2008

Es ist ein echtes Drama. Eine alleinerziehende Mutter hat alles aufgegeben. Opfert sich Tag für Tag und pflegt ihren körperlich und geistig behinderten Sohn, 26 Jahre lang. Infolge einer schweren Depression tötet die Mutter ihr über alles geliebtes Kind.

Die Staatsanwaltschaft hat Eveline G. wegen Totschlags angeklagt. Gestern fiel das Urteil:

Freispruch!

Bei dem Urteil bezieht sich die Vorsitzende Richterin vor allem auf das Gutachten des forensischen Psychiaters Norbert Konrad, der Eveline G. Schuldunfähigkeit attestierte.

Konrad spricht von
einer schweren depressiven Episode, die die Steuerungsfähigkeit der Frau stark beeinträchtigt habe.

Die alleinerziehende Mutter wusste nicht mehr weiter, kämpfte vergeblich mit den Behörden. Marco hat bei der Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und war seitdem hirngeschädigt.
Er konnte nicht laufen, seine Hände nicht bewegen. Marco war ein Pflegfall und benötigte Evelins ganze Aufmerksamkeit.

Ursache für den Sauerstoffmangel, ein Arztfehler.

Eine Entschädigung wurde den Eltern zu gesprochen.
Doch was nützt es.

Marcos Vater ließ sich scheiden. Fortan musste sich Eveline G. alleine um ihr pflegebedürftiges Kind kümmern. Seitdem lebte Eveline G. mit ihrem Kind allein; ihren Beruf als Friseurin gab sie dem Kind zuliebe auf. Marco in eine Pflegeheim kam für die führsorgliche Mutter zu keinem Zeitpunkt in Frage.

"Er war doch so lebensfroh", sagt Eveline G.

Marco war ihr Lebensinhalt. Selbstlos opferte die Mutter alles für ihren Sohn.

Ohne Marco zu leben, ist die größte Strafe für mich“, erwiderte sie gegenüber den Richtern.

Wie konnte es nur zu solch einer Tat kommen?

Es war nicht die Pflege ihres Kindes, die die Muter verzweifeln ließ, es war vielmehr die mangelnde Hilfe ihrer Umwelt und die der Behörden. Eveline G. fühlt sich allein gelassen.

In ihrer gemeinsamen Wohnung in Berlin-Schöneberg gab sie ihrem Sohn am 28. Oktober einen Cocktail aus starken Schlaf- und Beruhigungsmitteln.

Er sollte nichts merken. Erst als Marco betäubt war, nichts mehr spürte, schnitt die Mutter mit einem kleinen Küchenmesser in beide Handgelenke des jungen Sohnes.

Anschließend nahm sie ebenfalls eine Überdosis Tabletten und schnitt sich selber die Pulsadern auf. Eveline G. aber konnte gerettet werden.

Eveline G. ist krank, schwer krank. Es war nicht das erste Mal, dass die überforderte Mutter nicht mehr leben wollte.

Sie leidet seit längerem schon an schweren Depressionen und hatte früher des öfteren Suizidgedanken.

Zwei Mal wurde sie aus diesem Grunde stationär in einer Klinik behandelt. Auch an jenem Oktobertag sieht sie keinen anderen Ausweg. Allein kann sie sich mit der Situation nicht abfinden.
„Ich dachte, wenn wir beide weg sind, ist endlich Ruhe.“
Derzeit befindet sich Eveline G. in einer therapeutischen Klinik. Dort kann Eveline G. möglicherweise geholfen werden. Dass sie noch einmal einen Menschen tötet, sei unwahrscheinlich.
Sie hat Marco getötet, um ihm Leid zu ersparen.